Die Fachwelt ist uneins: Gibt es womöglich eine entfernte Verwandtschaft zu den Speckbrettspielern, deren Schlaggerät als Holzbrett mit gitternetzartig eingebohrten Löchern daherkommt? Oder ist es eher dem aus dem Baskischen stammenden Pelota zuzuordnen, bei dem immerhin ebenfalls ein Ball mit enormer Geschwindigkeit gegen eine Wand gehämmert wird? Übrigens je nach regionaler Vorliebe entweder mit der Hand (Pelota a Mano) oder mit einem Holzschläger (Pelota a Palo) oder mit einem verlängerten Handschuh samt Körbchen (Cesta Punta).
Nein, wir entscheiden uns, wenngleich aus purer Vorliebe für den Klang des Namens und ohne wissenschaftlich nachweisbare Zusammenhänge, für eine andere Sportart – das Tamburello. Eine der wenigen direkten Verbindungen von Schlägersport und Musik. Man nutzt als Schlagwerkzeug tatsächlich eine kleine Trommel, genauer gesagt: ein Tamburin! Allerdings meistens ohne Schellen, es sei denn am Strand an der Adriaküste, wo die lieben Kleinen gern mit Schellen bewehrten Tamburins ausgerüstet werden, um den sonnenbadenden Eltern vielleicht mal aus den Augen, nie aber aus den Ohren zu gehen. Tatsächlich darf man davon ausgehen, dass Tamburello – historisch betrachtet – dem Squash etliche Jahrhunderte voraus ist. Bis ins Römische Reich reichen die Wurzeln dieses inspirierenden Ballspiels, das zunächst eher hinter den Palastmauern der Adligen ausgetragen wurde, bevor es zunehmend die Straßen und Plätze Norditaliens eroberte. Der Schläger wandelte sich vom Holzklöppel über einen mit Pferdeleder bespannten Rahmen bis zum heutigen mit einer Nylonmembran versehenen Tamburin, das den Hartgummibällen bei ordnungsgemäß ausgeführter Schlagbewegung einen Speed von rund 250 Stundenkilometern mit auf den Weg geben kann.
Spielvarianten sind reichlich vorhanden: Ob in Zweierteams übers Netz am Beach oder in Fünfermannschaften ohne Netz, wo der Ball nur einmal in der eigenen Spielhälfte auftrumpfen darf. Wer sucht, wird die Spielart finden, die am meisten zusagt. Oder eben eine eigene Variante erfinden!
Genau das – und damit wechseln wir radikal die Sportart – hat sich der Saarbrücker Sportstudent René Wegner im Jahr 2006 wohl gedacht, als er in einem Kaiserslauterner Freibad vor dem voll besetzten Fußballplatz stand. Frei war „nur“ die Tischtennisplatte, also schaltete er kurz bzw. eher lang den Kopf ein und kombinierte das gewünschte Spielgerät, einen Fußball, mit den vorhandenen Platzkapazitäten, der Platte. Eine neue Sportart war geboren – HEADIS! Eine Wortschöpfung, die den englischen „head“ mit „Tennis“ verbindet und der perfekten Mischung aus Kopfball und Tischtennis einen ehrwürdigen Namen gibt.
Natürlich mussten noch ein paar Anpassungen vorgenommen werden, den Fußball beispielsweise ersetzt inzwischen ein rund 100 Gramm schwerer Gummiball, aber der erste Satz zu einer eindrucksvollen Erfolgsgeschichte war an diesem Freibad-Nachmittag im Herzen der Pfalz geschrieben worden.
Die Regeln ähneln denen des Tischtennis, nur darf man die Platte mit allen Körperteilen berühren und die Direktabnahme eines Balls innerhalb eines Ballwechsels ist erlaubt. Inzwischen haben sich längst diverse Vereine gegründet wie der HEADIS United Saarbrücken oder Rote Stirn Kaiserslautern. Bereits zum vierten Mal finden 2010 inoffizielle Weltmeisterschaften statt (30. und 31. Juli in Göttingen), im vergangenen Jahr waren bereits über 120 Teilnehmer aus sechs Nationen am Start.
HEADIS kann drinnen und draußen gleichermaßen gut gespielt werden, einzige Voraussetzung ist eine Tischtennisplatte. Wer Vorkenntnisse und Ballgefühl aus dem Fußball oder Tischtennis mitbringt, hat dadurch sicherlich keinen Nachteil. Aber HEADIS ist im Grunde leicht zu lernen und auch als Outdoor-Funsport ideal geeignet. Unterschätzen sollte man die Bewegungsintensität dabei auf keinen Fall. Wer 2008 Elton und Stefan Raab in der Sendung TV Total bei einem Satz HEADIS schnaufen hörte, ahnt, wie anstrengend das Ganze sein kann. Live überzeugen kann man sich und andere nebenbei ganz hervorragend auf der Jugendmesse YOU in Berlin Anfang Oktober, Show-Wettkämpfe und Selbstversuche inklusive.
HEADIS und/oder Tamburello, da soll doch keiner mehr sagen, das Sommerkapitel gehöre für Freunde des Racket- und Rückschlagsports zu den herausfordernden Abschnitten des Jahres!
Lars Lucke
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