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Weiche Schale, gar kein Kern oder wie „Zerquetschen“ zum Breitensport wurde

Es gibt die unterschiedlichsten Methoden, die eigenen, im Alltag angestauten Aggressionen in die richtigen Bahnen zu lenken. Je nach Charaktertyp und Temperament kann man so etwas bis zum Magengeschwür aussitzen oder im Kollegenkreis ungeliebte Mitarbeiter mobben. Durch Büros mit kreativerem Charme watscheln gern sogenannte Würgeenten, die bei überhöhter innerer Anspannung am Halse ergriffen und geschüttelt werden, bis man mit dem Flügel schlagenden, röchelnden Püppchen Erbarmen zeigt. Man kann in Wutsäcke boxen, laut Volksmusik hören oder eine brutale Runde Bürogolf spielen. Aber man kann Aggressionen auch auf sportlichem Weg an den Kragen gehen. Und was böte sich da mehr an als eine Sportart, die wörtlich übersetzt „Zerquetschen“ oder „Zerdrücken“ heißt.

Jawohl, es geht um Squash! Zwei, in Sonderfällen sogar vier, Spieler jagen auf allerengstem Raum hohle Gummibälle mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde gegen Wände. Und wehe, man stellt sich zwischen den Ball und sein Aufschlagsziel. Nicht nur, dass die Trefferfläche auf dem Körper später signalartig gefärbt ist, wie der Po einer Pavianin während der Paarungszeit, da sie ihrem Partner quasi heimleuchtet. Nein, das Missgeschick wird mit knallharter Regel auch noch durch Punktverlust geahndet. Schmerzen, mahnende Zeichnung des Körpers und Bestrafung – was für ein Sport.

Allerdings täuscht der erste Eindruck, es handele sich hierbei um eine besonders brutale und menschenverachtende Art sportlicher Betätigung. Das direkte Anlegen auf den Gegner ist durchaus nicht erlaubt, so dass dieser Spaß in der Regel eher unbedarften Anfängern vorbehalten bleibt. Im Gegenteil, sobald man grundsätzlich durchschaut hat, wie die Flugkurve des Balles und die Aushol- bzw. Schwungphase des Schlägers zueinander im Verhältnis stehen, nimmt man Teil an einer der rasantesten und geschmeidigsten Racketsportdisziplinen überhaupt. Und sicherlich auch an einer der ältesten – zumindest, wenn ihre historischen Vorläufer dazugezählt werden.

Bereits von den alten Ägyptern lassen sich Zeichnungen finden, auf denen zu erkennen ist, wie mehrere Menschen etwas Ballartiges offenbar mit der bloßen Hand gegen eine Wand schlagen. Ein Spiel, das in der Neuzeit als „Fives“ bekannt werden sollte, aber auch als Urahn des baskischen Volkssports Pelota gelten darf. Pelota wird weltweit auf dreifache Weise gespielt: direkt mit der Hand als Schlagwerkzeug, mit einem einfachen Holzschläger oder mit einem Handschuh, der mit einer Art verlängertem Korb (Cesta Punta) verbunden ist. Der Spielball ist gewöhnlich aus Leder und mit einem Holzkern und mehreren Schichten Stoff gefüllt.

Mit einem ähnlichen Ball wurde auch das Wandschlagspiel Fives gespielt, jedenfalls so lange, bis die Schlaghand durch einen Schläger er- und der Spieler plötzlich in die Lage versetzt wurde, deutlich härter und weiter zu schlagen. Das ließ sich zwar im Match – die Sportart hieß nun Rackets und wurde unter freiem Himmel ausgeübt – selbst noch bewältigen, wo bis ins frühe 19. Jahrhundert nur gegen die Vorderwand geschlagen wurde, aber das Einspielen zur Erwärmung vorneweg fiel zunehmend schwerer mit einem solchen Geschoss. Also nutzte man für diese Zwecke einen deutlich weicheren Ball mit eher übersichtlichen Flugeigenschaften.

Es passierte in den frühen vierziger Jahren an der englischen Elite-Schule Harrow School, dass erstmals Innencourts bespielt wurden, wenn auch nur zur Vorbereitung auf eine Partie Open Court Rackets. Squash war geboren mit der heute doch befremdlich klingenden Erklärung, aufgrund der Langsamkeit könne hier Taktik und Spielverständnis insbesondere bei Anfängern leichter geschult werden. Wer heute mal mit einer Gruppe von Anfängern einen Squash-Court besucht, wird vergnüglich feststellen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.

Tatsächlich setzte die Harrow School einen echten Trend in die Welt, ehemalige Schüler richteten sich private Squash-Courts im kleinen Landhäuschen ein, Schüler anderer Schulen kamen zum „Weichball schlagen“ nach Harrow, weitere Schul-Squash-Courts entstanden landesweit. Und weil man als Brite seinerzeit noch recht umtriebig war, was die Einverleibung und Besetzung fremder Länder anging, trat Squash einen kleinen Siegeszug durch das British Empire bzw. den späteren Commonwealth of Nations an. Ein feiner Treppenwitz der Geschichte, dass bis heute die besten Spieler der Welt aus ehemals besetzten Ländern wie Indien bzw. Pakistan stammen.

In Deutschland dauerte alles mal wieder ein bisschen länger. Zwar hatte die Firma Siemens bereits um 1930 erste Squash-Courts gebaut, aber so richtig was anfangen konnte man hierzulande damit nicht. Erst in den siebziger Jahren kam es zu einem regelrechten Boom, Squashcenter – meist gewerblich betrieben – schossen aus dem Boden und waren bestens ausgelastet. Laut Wikipedia stieg die Anzahl der Anlagen von 20 im Jahr 1975 auf etwa 1000 im Jahr 1990.

Seit der Jahrtausendwende schnaufen die Center in Deutschland mal ein bisschen durch, die Wachstumsraten sind leicht rückläufig. Weltweit allerdings bleibt Squash auf dem Vormarsch und in absehbarer Zeit schwappt die Welle auch wieder zurück. Wen es einmal gepackt, den lässt es nicht mehr los.

Squash schult die Hand-Auge-Koordination, die Konzentrationsfähigkeit, Schnelligkeit und Beweglichkeit und macht vor allem riesen Spaß. Und was den Abbau von Aggressionen angeht, ist das „Gegen-die-Wand-klatschen“ von Weichbällen absolut ideal, im Ernstfall hat man ja auch noch die Rückseite des Spielpartners – das aber gäbe keinen Fairplaypunkt und wehe, der Getroffene schießt in so einem plötzlich ganz winzigen Court zurück.

 

Lars Lucke

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