Achtung Klassiker – Die Rückkehr der Tennis-Emotionen
Es war der Sommer 1985! Sechs 13-jährige Halbstarke lagen auf einem Handtuchfloß im Freibad Kopf an Kopf im Kreis um ein Transistorradio. Für die Spätgeborenen: ein für damaliges Empfinden kleines, batteriebetriebenes Radiogerät mit ausziehbarer Antenne zum Mitnehmen. Urplötzlich – wie von der Tarantel gestochen – sprangen sie alle auf, hüpften herum wie die Derwische, fielen sich in die Arme und imitierten natürlich – die Becker-Faust. Der nur wenige Jahre ältere Leimener Rotschopf hatte gerade als bis dahin jüngster Tennisspieler das wichtigste Turnier der Welt gewonnen und die ersten symbolischen Möbel in sein Wohnzimmer, Wimbledon, gestellt.
Noch am gleichen Tag holten die oben erwähnten Sechs zu Hause die Family-Tennisschläger aus dem Keller, spannten Wollfäden von Garagentor zu Garagentor, und stritten ausgiebig darüber, wer denn den bedauernswerten Kevin Curren imitieren müsste. Auf den Geburtstags- und Weihnachtswunschzetteln tauchten auf einmal Tennisschläger, Schweißbänder und mitunter sogar weiße Polo-Shirts auf. Der Wimbledon-Sieg Boris Beckers war die Initialzündung für den Tennissport in Deutschland schlechthin und ließ ihn zeitweise in der Zuschauerpopularität sogar mit dem Fußball konkurrieren. Halbe Tage wurden, ohne mit der Wimper zu zucken, auf der Couch vor dem Fernseher verbracht, um beispielsweise Daviscup-Spiele mit bis dahin völlig unbekannten Menschen zu verfolgen. Unvergessen die sagenhaften 85 Spiele, die der 1991 leider viel zu früh verstorbene Michael Westphal gegen Tomas Smid benötigte, um die deutsche Mannschaft gegen die Tschechoslowakei mit 2:0 in Führung zu bringen. Oder die schlappen sechs Stunden und 21 Minuten, in denen 1987 Boris Becker die Legende John McEnroe niederkämpfte. Da war man dabei, selbstverständlich!
Kein Wunder, dass sich heute die Tennis-Classics, hochkarätig besetzte Retro-Matches, immer größerer Beliebtheit erfreuen. Dabei ist es natürlich Quatsch zu behaupten, früher wurde besseres Tennis gespielt. Früher war zwar alles besser, aber was die Jungs um Roger Federer gegenwärtig mit der kleinen Filzkugel anstellen, hat sportlich ohne jeden Zweifel allerhöchstes Niveau, das von den großen Helden der Achtziger und Neunziger vermutlich nie erreicht worden ist.
Trotzdem scheint der Unterhaltungsfaktor kontinuierlich abzunehmen, die Übertragungszeiten werden kürzer und die Nachwuchssorgen des Volkssports Tennis nehmen bedrohliche Ausmaße an. Womöglich ist die Einführung solcher Classic-Serien nun weit mehr als vergnügliche Abwechslung, vielleicht sogar eine echte Trendwende. Als im Dezember 2006 die Internationalen Meisterschaften von Berlin und Brandenburg in der Havellandhalle um die Tennis-Classics in Besetzung von Michael Stich, Charly Steeb, Henri Leconte und Sergi Bruguera ergänzt wurden, waren rund 9000 Zuschauer auf den Tribünen bemerkenswert aus dem Häuschen. Ähnlich verhielt es sich auch in diesem Jahr beim Turnier am 19. bzw. 20. Januar, als Mikael Pernfors, Mansour Bahrami, Charly Steeb und Eric Jelen in Seeburg aufschlugen.
Am 2. März ruft dann Boris Becker höchstselbst zur Tennis Classics Tour in die Berliner Max-Schmeling-Halle. Unter dem Motto „Boris Becker & Friends“ zeigen diverse Altstars, wozu man als Tennisfrührentner fähig ist und auf welchen Fundus aus der Trickkiste man zurückgreifen kann. Die letzten „Klassiker“ haben gezeigt, dass hier nach wie vor auf großartigem Niveau brillante und vor allem unterhaltsame Tennisspieler zu beobachten sind. Und dieses Unterhaltsame, Mitreißende, dieser spezielle Spielertypus, macht den Unterschied zur gegenwärtigen Tennisspitze allgemein und zur deutschen im Besonderen.
Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass es keine Transistorradios mehr gibt.
Lars Lucke
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